Wurzelbehandlungen sind schmerzhaft und bringen sowieso nichts – oder?

Mit dem Begriff Wurzelbehandlung verbinden viele Patienten*innen immer noch mehrfache schmerzhafte Behandlungen, anschließende Beschwerden und die Nachricht des Zahnarztes, dass der Zahn leider doch entfernt werden muss. Die Realität sieht glücklicherweise heute anders aus. Kaum ein Fachgebiet der Zahnmedizin hat sich in den letzten Jahren so rasant weiterentwickelt wie die Endodontologie – das Fachgebiet für das lebendige Innere des Zahnes.
Wann und warum muss ein Zahn eigentlich wurzelbehandelt werden?

Ein Zahn besteht aus Zahnschmelz, Zahnstein und Zahnmark, dem vitalen Weichgewebe im inneren Wurzelkanalsystem des Zahnes (siehe Abbildung 1). Das Zahnmark kann sich entzünden. Ursachen dafür sind
Karies, Zahnfrakturen oder eine massive Überlastung des Zahnes über einen längeren Zeitraum. Die Entzündung kann mit starken Schmerzen einhergehen. Unbehandelt stirbt das Nervgewebe ab und Bakterien besiedeln den Wurzelkanal. In der Folge der bakteriellen Besiedlung breitet sich die Entzündung über die Wurzelspitze in den Knochen aus (siehe Abbildung 2). Auch in diesem Stadium können Schmerzen entstehen, wenn die Entzündung eine Schwellung verursacht (Abzeß).

Abb. 1

Abb. 2

Was bewirkt die Wurzelbehandlung?

Ziel der Wurzelbehandlung ist es, die Bakterien und die Gewebereste aus dem Wurzelkanalsystem zu entfernen, dieses zu desinfizieren und abschließend dicht zu füllen. Dies ist allerdings nicht einfach, denn die Wurzelkanäle der Zähne sind häufig stark verzweigt, mikroskopisch klein und schwierig zu erreichen. Gelingt die Reinigung, Desinfektion und Füllung der Wurzelkanäle, kann auch eine Infektion, die bereits den Knochen erreicht hat, ausheilen.

Wie kann eine vollständige Desinfektion erreicht werden?

Zunächst wird das Wurzelkanalsystem zugänglich gemacht. Die dargestellten Wurzelkanäle werden mit sehr stabilen, aber biegsamen Instrumenten aus einer Speziallegierung erweitert. Zahnärzte nennen das „aufbereiten“. Wichtig ist dabei die präzise Ermittlung der richtigen Länge der Kanäle. Wurde die Länge der Wurzelkanäle früher mittels Röntgenbildern abgeschätzt, hilft heute die sogenannte „Endometrie”. Mit speziellen Geräten gelingt es, die Länge der Wurzelkanäle exakt zu bestimmen. Genauso bedeutsam wie die mechanische Bearbeitung der Wurzelkanäle („Aufbereitung“) ist die anschließende Desinfektion durch Spülvorgänge. Mit desinfizierenden Lösungen werden die Kanäle gespült; die Spülflüssigkeiten werden zusätzlich durch Ultraschall aktiviert. Als letzte Maßnahme zur Desinfektion kann eine desinfizierende Paste für mehrere Tage bis Wochen in die Kanäle eingelegt und der Zahn provisorisch verschlossen werden. Die ganze Behandlung findet idealerweise unter einem isolierenden Gummituch („Kofferdam“) statt, damit kein Speichel in den Zahn gelangt und die Spülflüssigkeiten nicht in den Mund laufen (Abb. 3). Manchmal kann es notwendig sein, vor der Behandlung ein dreidimensionales Röntgenbild, eine sogenannte Digitale Volumentomographie (DVT) aufzunehmen, um ein kompliziertes Wurzelkanalsystem vollständig beurteilen zu können.

Abb. 3

Und dann?

In der Folgesitzung wird die provisorische Füllung entfernt, und die gleichen Spülvorgänge wie in der ersten Behandlung werden nochmals wiederholt. Nach Trocknung der Kanäle und sorgfältigster Kontrolle – zum Beispiel mit Hilfe eines Mikroskops – wird das Wurzelkanalsystem dicht gefüllt. Dazu wird eine spezielle Paste (Guttapercha) erwärmt und mit ausgefeilter Technik in die Kanäle eingebracht (siehe Abbildung 4). Die abschließende Füllung des Zahnes muss sehr dicht sein; bevorzugt werden adhäsive Füllungen. Ein Röntgenbild zur abschließenden Kontrolle ist in jedem Fall notwendig (siehe Abbildung 5).

Abb. 4

Abb.5

Tut das alles nicht sehr weh?

Die Behandlung wird unter Lokalanästhesie durchgeführt. Schmerzen können hier nur in hochakuten Fällen entstehen; dann wird der/die Zahnarzt*in zunächst nur eine schmerzstillende Therapie durchführen und die eigentliche Wurzelbehandlung erst dann beginnen, wenn eine vollständige Schmerzfreiheit gewährleistet ist. Eventuell auftretende Beschwerden nach der Wurzelkanalbehandlung sind durch entzündungshemmende Schmerzmittel üblicherweise gut zu therapieren und dauern in der Regel nicht lange an.

Wie sind die langfristigen Erfolgsaussichten für wurzelbehandelte Zähne?

Die langfristigen Erfolgsaussichten für wurzelbehandelte Zähne sind nach erfolgreichem Abschluss heute sehr gut. Eine wichtige Rolle für die langfristige Prognose spielt die Versorgung des Zahnes nach der Wurzelbehandlung: offenbar überleben wurzelbehandelte Zähne länger, wenn sie überkront werden. Eine Adhäsiv-Füllung direkt nach der Wurzelfüllung ist Voraussetzung für den Erfolg, die Überkronung sollte erfolgen, wenn die Zahnkrone wegen eines großen Defektes stabilisiert werden muss. Ihr/e Zahnarzt*in wird Sie entsprechend beraten.

Und wie sieht es mit den Kosten aus?

Die Kosten sind je nach Anzahl der Wurzelkanäle und Schwierigkeit der Behandlung sehr unterschiedlich. Für mehrwurzelige Zähne können mehrere Hundert bis 1000 € Kosten entstehen. Falls der Zahn bereits wurzelbehandelt war und die Wurzelfüllung ausgetauscht werden muss, kann ein noch höherer Aufwand entstehen. Ihr AZT-Zahnarzt*in wird mit Ihnen die Kosten vor der Behandlung abschätzen und besprechen.

Fazit:

Die moderne Wurzelbehandlung macht ähnlich rasante Fortschritte wie die Implantologie. Sie fordert hohen technischen Einsatz und die Bereitschaft, Zeit und Geld in Fortbildung zu investieren. Dies alles tun wir aus Überzeugung und freuen uns über viele gerettete Zähne.